Juni 2016, jetzt mache ich also schon 10 Jahre „diesen Scheiß“ (Zitat von irgendwem). Ich würde ja jetzt gerne schreiben, dass ich mittlerweile durch die vegane Ernährung fliegen, unter Wasser atmen und Gedanken lesen kann, aber jetzt kommt der Schock: Alles normal. Ich bin so gesund wie halt sonst immer auch, stehe morgens auf, gehe arbeiten und so ganz selten schreibe ich hier mal was. Das Experimentieren, was Essen angeht, hat nachgelassen. Nach zehn Jahren habe ich jetzt halt auch einfach so mein Repertoire. Und ich habe auch keinen großen Bock, jedes Essen erstmal halbwegs ansehnlich zu fotografieren – das klappt bei mir außerdem echt selten, meistens sieht es nach unterbelichtetem Matsch aus…

Was sich in den letzten Jahren aber geändert hat, kann ich ja trotzdem aufzählen:

  • Mittlerweile hat nun so ziemlich jeder Supermarkt in Deutschland wenigstens irgendeine Sorte pflanzliche Milch und Fleischersatz.
  • Bei vielen Supermärkten bekommt man außerdem ein riesiges veganes Sortiment – die Facebookveganer dürfen sich darüber gerne aufregen und nur vegane Hafermilch aus in Deutschland geerntetem Biohafer kaufen, die von einem rein veganen Unternehmen nachhaltig produziert wurde, natürlich von einem Unternehmen, das nicht weiter als 20 km weit weg ist und seine Hafermilch in Flaschen statt Tetrapaks verkauft. Aber gerade für „normale“ (also nichtvegane) Menschen ist das Supermarktangebot unfassbar toll – das bringt sie überhaupt erstmal auf Ideen und räumt mit dem Vorurteil auf, dass man als Veganer nix mehr essen kann.
  • Ich muss mir viel seltener blöde Sprüche anhören, was aber daran liegt, dass ich weiter meine Klappe halte und es vermeide zu erwähnen, dass ich mich vegan ernähre. Leider bekommen es manche durch meinen „missionarischen Eifer“ dann doch mit („Wieso hast du keine Pizza bestellt?“ – „Ich mag lieber Pasta.“ – „Ja aber da ist doch kaum was dran, nimm doch den Käse dazu.“ „Ne, ich esse das lieber so.“ „Waas, du bist aber keine Veganerin, oder??“), aber es gibt Schlimmeres.
  • Meine Kollegen stellen jetzt immer noch extra einen veganen Aufstrich dazu, wenn sie Brezeln und Butter mitbringen. Danke dafür!
  • Bei Partys gibt es für mich auch immer extra was zu essen. Ich habe zwar keine Ahnung, wieso das dann extra für mich ist und nicht einfach eben bei dem ganzen Essen auch ein oder zwei vegane Gerichte dabei sind, aber das ist auf jeden Fall sehr nett (auch wenn „mein“ Essen dann gerne mal extra beschriftet wird, sodass auch wirklich jeder weiß, dass ich Veganerin bin –  „Ach DU bist das also“)
  • Ich kenne mittlerweile im echten Leben Veganer. Ja ok, nicht viele. Ok, einen. Ok, ich habe kaum was mit ihm zu tun, aber er ist echt und ich kenne ihn persönlich! Dafür gibt es viel mehr Vegetarier als noch vor 10 Jahren und eigentlich alle, mit denen ich näher zu tun habe, probieren total gerne vegane Sachen aus und fragen mich immer mal wieder nach Rezepten. Vor zehn Jahren kam das nicht ein einziges Mal vor.
  • Von mir gibt’s ein Interview in der „Vegan für mich“ – vegane Magazine hätte ich vor 10 Jahren auch für undenkbar gehalten.
  • Es gibt vegane Comedy!

Mal davon abgesehen, dass bei mir weiterhin alles normal ist und auch meine letzten Blutergebnisse „vorbildlich“ waren, freue ich mich weiter über Mitstreiter, die das Thema Vegan auf sympathische Weise in die Öffentlichkeit bringen. Deshalb muss ich Gabriele Busse hier unbedingt ein paar Zeilen widmen! Gabriele Busse macht vegane Comedy, Kabarett, Musik, was auch immer. Auf jeden Fall ist das lustig und traurig zugleich. Es regt zum Nachdenken an, zeigt aber auch, dass wir Veganer doch ein bisschen Humor haben und manche sogar über sich selbst lachen können. Gestern hatte ich das Vergnügen, gemeinsam mit einer unglaublich lieben und tollen Freundin (die mich immer darin bestärkt, ich selbst zu sein und die ich hier auch unbedingt mal erwähnen wollte, einfach, weil sie so wichtig ist) einen Auftritt von Gabriele Busse zu besuchen. Ich hatte sie vorher angeschrieben, um zu fragen, wie das mit den Karten läuft, was zu einem echt netten Mailaustausch und einer Platzreservierung mit persönlicher Widmung geführt hat. Das war so von mir nun wirklich nicht geplant, aber gefreut habe ich mich natürlich trotzdem! Wer die Gelegenheit hat, sie mal live zu sehen, sollte das unbedingt tun. Ich mag authentische Menschen, die ihren Mund aufmachen. Da darf auch mal ein bisschen Stottern dabei sein, ein kleiner Hänger, ein ausgestöpseltes Kabel oder vier Bier auf der Bühne stehen. Das macht alles umso sympathischer und ich hoffe, das bleibt so!

Ansonsten kann ich auch nach Jahr 10 nur sagen: Ich lebe noch! Keine Ahnung, wann der vielprophezeite Mangel an irgendwas („ich weiß das auch nicht so genau, aber irgendwas wird dir schon fehlen und dann wirst du krank“) mich dahinrafft, aber noch läuft das Experiment „Wie lange kann man sich von einem Überangebot an Gemüse, Obst, Getreide und Hülsenfrüchten ernähren, ohne tot umzufallen“ richtig gut.