Als Veganer hat man es manchmal schon etwas schwer. Den „Normalessern“ ist man zu radikal. Vegetarisch geht ja noch, aber vegan?! Aber als sei das nicht genug, ist man auch manchen Veganern zu radikal. Um es mit den Worten Attila Hildmanns auszudrücken: Vegan-Nazis sind out! Vegetarier finden einen nebenbei auch noch zu radikal. Also sind sich eigentlich alle einig.

Laut Duden bedeutet Radikalität Folgendes:

– von Grund aus erfolgend, ganz und gar; vollständig, gründlich

– eine extreme politische, ideologische, weltanschauliche Richtung vertretend [und gegen die bestehende Ordnung ankämpfend]

Nun kann man sich darüber streiten, ob vegan extrem ist, auch der Begriff Ideologie wird oft negativ verwendet. Aber ganz und gar, vollständig und gründlich passt doch eigentlich ganz gut.

Umgangssprachlich meinen viele mit radikal aber eigentlich eins: völlig unverhältnismäßig und übertrieben. Veganer übertreiben und spinnen. Dabei gibt es zig Abstufungen.

Veganer übertreiben schon alleine, weil sie Veganer sind

Logisch, diese Sicht kommt natürlich eher von Nichtveganern. Nichtveganer (auch Vegetarier) können die Beweggründe für eine vegane Ernährung meist nicht nachvollziehen. Natürlich ist vielen klar, dass auch für Milch und Eier Tiere sterben (obwohl, es gibt tatsächlich Menschen, die das nicht wissen). Aber so wirklich verinnerlicht haben das die wenigsten. Manchen ist es egal, wenn Tiere sterben (das ist zum Glück die Minderheit, so ein bisschen Empathie für Tiere ist meistens vorhanden). Andere halten es für biologisch notwendig, Tiere zu töten. Und wieder anderen ist das eigentlich nicht egal und sie finden es auch nicht unbedingt nötig, aber sie haben Angst, den Gedanken weiterzudenken. Denn das würde evtl. bedeuten, selbst weniger tierische Produkte konsumieren zu „müssen“. Genau da liegt das Problem: Für viele wäre es ein Müssen. Wenn man es nicht gut finden würde, Tiere zu töten, müsste man vermeiden, dass Tiere getötet werden. Und dann müsste man aufhören, Tiere für sich töten zu lassen. Deshalb erscheinen diesen Menschen Veganer viel zu radikal. Veganer „müssen“ dann ja auf einmal auf so vieles verzichten. Dass das jemand absolut freiwillig tut und es irgendwann sogar nicht mehr schwer fällt und man es gar nicht anders will, können sich viele einfach nicht vorstellen.

Immer diese Besserveganer

Aber auch aus den Reihen der Veganer selbst kommt oft Kritik an anderen Veganern. Die einen finden es übertrieben, dass andere Veganer keinen Honig essen. Wieder andere finden Lederschuhe ok. Manche essen auswärts vegetarisch und nur zu Hause vegan und finden Veganer zu radikal, die auch auswärts vegan essen wollen und lieber auf Essen verzichten als vegetarisch zu essen. Zusammengefasst: Jeder hat eine andere Schmerzgrenze. Manche haben auch mehr Infos als man selbst oder sind bei bestimmten Themen einfach empfindlicher. Trotzdem werden diese „Besserveganer“ oder „Veganerer“ oft sehr massiv angegriffen. Das ist auf der anderen Seite aber leider auch verständlich, wenn man die tausendste Diskussion über den Alpro-Boykott oder über „Kann Spuren von… enthalten“ liest (ich glaube, diese Diskussionen gibt es vor allem online). Das Problem ist dabei oft nicht die Info an sich, sondern dass sich die „Besser-Veganer“ sofort einmischen, wenn sie die Gelegenheit wittern, „ihr“ Thema anzubringen. Eine Info dazu und dann zurück zum eigentlichen Thema würde reichen.

Als ich angefangen habe, mich vegan zu ernähren, fand ich Honig völlig in Ordnung. Die Bienen machen Honig, wir essen den und die Bienen bekommen dafür im Gegenzug ein Zu Hause und Ersatzessen. Damals wusste ich nicht, wie viele Bienen bei diesem Anfüttern sterben. Heute weiß ich das und weil ich Honig nicht unbedingt zum Überleben brauche und ich nicht möchte, dass unnötig Bienen sterben, esse ich eben keinen mehr. Radikal? Wie man’s nimmt, ich habe einfach mittlerweile eine andere Schmerzgrenze. Bin ich deshalb eine bessere Veganerin? Bestimmt nicht.

Zum Nachdenken brachte mich aber vor allem Herr Hildmann. Er spaltet nun schon eine Weile die Geister und neben dem Lob zu den tollen Gerichten hagelt es gerade von veganer Seite häufig Kritik. Geärgert hat mich, wie beleidigend Herr Hildmann damit auf seiner Facebook-Seite umgeht. Gerade anlässlich der Kritik an seiner Werbung für Vitaminpräparate werden Andersdenkende (also anders als Herr Hildmann denkende) als radikale Spammer abgetan. Es scheint Mode geworden zu sein, jeden, der etwas nicht so locker sieht wie man selbst, als Besserveganer oder Gutmenschen zu verspotten. Statt sich ernsthaft mit der Kritik auseinanderzusetzen, wird „Du bist zu radikal“ als Universalwaffe eingesetzt.

Und das scheint wohl der eigentliche Grund zu sein, weshalb Veganer so gerne als „zu radikal“ bezeichnet werden: Damit wird jedes Argument und jede Kritik sofort in der Luft zerrissen. Es ist nicht mehr nötig, sich damit auseinanderzusetzen. Stattdessen kann man den anderen lächerlich machen und steht selbst als total entspannter, nicht radikaler Mensch da. Vielleicht wäre ein Mittelweg mal ganz gut: Nicht alles, was radikaler ist als die eigene Meinung, ist automatisch schlecht. Und nicht jede Kritik muss ständig überall in zigfacher Ausfertigung angebracht werden. Und wenn man es dann noch schafft, sich nicht gegenseitig zu beleidigen, kommen vielleicht sogar alle ganz gut miteinander aus und können trotzdem verschiedener Meinung sein…